Wildbienen – wertvoll, aber bedroht
Wildbienen geraten oft etwas in Vergessenheit, vielleicht weil sie keinen Honig produzieren oder nicht so in auffallender Anzahl in einem grossen Volk erscheinen wie die Honigbienen, sondern meist allein nisten. Manche sind ziemlich unscheinbar und kaum grösser als ein Reiskorn oder ähneln mit ihrer gelb-braunen Hinterleibzeichnung fast einer Wespe, wiederum andere sind etwa gleich gross wie Honigbienen. Und dann gibt es auch die grossen Brummer wie die Hummeln oder die Holzbienen, die man schon von weitem hört. Mit über 600 verschiedenen Arten in der Schweiz begeistern die Wildbienen durch ihre ausserordentliche Vielfalt an Farben, Grössen und Verhaltensweisen. Bei einem Besuch einer artenreichen Wiese denkt der/die Beobachtende manchmal gar nicht, dass die gesichtete Biene eine Wildbiene sein könnte.
Ihre Lebensräume brauchen dringend mehr Schutz
Leider sind bereits fast die Hälfte der Wildbienenarten in der Schweiz bedroht. Intensive Landwirtschaft, Düngung ehemals naturnaher Flächen, häufiges Mähen, vermehrter Einsatz von Pestiziden, aber auch die zunehmende Bodenversiegelung und Überbauung in Städten und „zu aufgeräumte Landschaften und Gärten“ macht es Bienen schwer, geeignete Nistplätze und ausreichende Blühquellen zu finden.



Lebensweise
Genauso divers wie das Erscheinungsbild der Wildbienen sind auch ihre Lebensweisen. Die einzelnen Arten haben ihre klar definierten Fortpflanzungszeiten. Während weniger Wochen im Jahr schlüpfen die meist solitär lebenden Tiere. Die meisten Wildbienenarten bilden keinen Staat wie die Honigbienen. Frisch geschlüpft, paart sich ein Weibchen mit Männchen, und ist dann allein für den Bau ihres Nestes und das Anlegen des Vorrats für ihre Brut zuständig. Während ihrer Flugzeit von einigen wenigen Wochen, sammelt sie unermüdlich Pollen und Baumaterial, um jede Brutzelle mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Die Schwarze Mörtelbiene braucht zum Beispiel 5400 Esparsetten, das ist fast so gross wie ein Fussballfeld, um genug Nahrung für die nächste Generation zu finden. Je weiter sie fliegen muss, desto weniger Brutzellen kann sie versorgen. Ihre Nachkommen schlüpfen dann erst im nächsten Jahr. Je nach Art sind sie im Frühling, im Hochsommer oder bis in den späten Herbst hinein aktiv. So wechseln sich die einzelnen Arten ab und bestäuben die in dieser Zeitspanne vorhandenen Blütenpflanzen. Umso wichtiger ist daher ein kontinuierliches Blütenangebot.
Solitäre Wildbienen
Die allermeisten Wildbienen leben solitär. Das heisst, die Weibchen paaren sich mit den Männchen und die Weibchen legen allein ein Brutnest an. Bei solitären Bienen gibt es keine Aufgabenteilung wie bei den Honigbienen – sondern ein Weibchen allein ist Architektin und Bauherrin des Nestes, legt die Vorräte an und legt Eier. Im Verlauf von 4-6 Wochen versorgt sie ganz allein bis zu 30 Brutzellen. Bienen, die in Hohlräumen nisten, legen immer ganz hinten in den Gängen zuerst befruchtete Eier, aus denen Weibchen schlüpfen werden. Vorne in der Nähe des Eingangs werden unbefruchtete Eier gelegt, aus denen Männchen schlüpfen. Sie schlüpfen einige Tage vor den Weibchen und brauchen weniger Larvenvorrat, da sie selbst keine Eier legen und somit weniger Eiweissquellen brauchen. Daneben gibt es auch parasitisch lebende Bienen („Kuckucksbienen“, sie nutzen die Brutfürsorgeleistungen anderer Bienen aus, und legen ihr Ei in eine fix fertige Brutzelle, ohne selbst Pollen oder Baumaterial für ihren Nachwuchs sammeln zu müssen. Die Schmarotzerlarve tötet als erstes das Wirtsei und frisst sich dann am Vorrat satt. Normalerweise verteidigt die Biene ihr Nest gegenüber der Kuckucksbiene. Aber auch hier: Je weiter sie fliegen muss, um genügend Nahrung zu finden, desto länger bleibt ihr Nest unbeaufsichtigt.
Staatenbildende Wildbienen
Nur die Hummeln (31 der insgesamt 41 Arten) sowie einige Arten der Furchenbienen haben eine soziale Lebensweise. Hummeln wohnen zusammen in einem Hummelnest mit 200-300 Individuen, teilen sich die Arbeit und die Nahrung. Die Königin wird begattet und legt Eier, die Arbeiterinnen sammeln Pollen und verteidigen das Nest. Im Gegensatz zu Honigbienen, überwintern nur die Jungkönigin und muss im Folgejahr ihren Staat wieder neu aufbauen.
Ein Platz zum Nisten
Etwa 75% der Wildbienenarten in der Schweiz nisten im Boden, oft an vegetationsfreien oder nur schütter bewachsenen Stellen, wo sie sich reingraben können. Viele Arten nisten nur im Sandboden, andere bevorzugen Löss oder Lehm und wiederum andere findet man in verschiedensten Bodentypen. Andere Arten nisten in Totholz, in Frassgängen von Käfern oder in markhaltigen Stängeln z.B. von Brombeersträuchern. Es gibt sogar Arten, die ihre Eier in leere Schneckenhäuschen legen oder an Steinen und Felsen gemörtelt.
Wichtig ist auch, dass sie in der Nähe Baumaterial für den Nestbau finden. Zum Beispiel verwenden einige Mauerbienen, Scherenbienen und Mörtelbienen Baustoffe wie Lehm, Sand, Steinchen. Andere Arten brauchen Pflanzenmaterial. Die Garten-Wollbiene schabt Pflanzenhaare ab und baut aus diesen „Wattebauschen“ ihr Nest. Für sie sind behaarte Pflanzen wie Woll-Ziest, Quitten, Strohblumen oder Flockenblumen besonders praktisch.
im Boden
Die Mehrheit der Bienenarten nistet im Boden. Sie sind auch die am stärksten bedrohte Gruppe, etwa 50% von ihnen sind auf der roten Liste. Sie leiden besonders stark an zunehmender Bodenversiegelung, intensivierter Landwirtschaft und einhergehendem Verlust an Kleinstrukturen und Blütenangebot. Viele bodennistende Arten kleiden ihre Brutzellen mit Sekreten aus, die die Nachkommen vor Bakterien und Nässe schützen. Die Seidenbienen haben zum Beispiel ihren Namen von ihrer seidigen Auskleidung der „Kinderzimmer“.
im Totholz
Einige Wildbienenarten nagen Gänge in totem Holz und legen ihre Eier dort. Die Blauschwarze Holzbiene legt ihr Nest in Totholz an und trennt jede Brutzelle mit Sägespänen ab, die sie mit Speichel verklebt. Sie mag besonders abgestorbenes, aber noch ziemlich festes Laubholz von Pappeln, Weiden oder Apfelbäumen. Totholz also unbedingt an einem sonnigen Plätzchen stehen lassen oder aufschichten. Hat es in der Nähe noch ihr Leibgericht wie Platterbse oder Staudenwicken, lässt diese Biene bestimmt nicht lange auf sich warten.
in Pflanzenstängeln
Diese Wildbienenarten nisten gerne in abgebrochenen oder abgeschnittenen markhaltigen, dürren Ranken von Beeren, seltener von Reben oder Stängel von Brombeeren, Königskerzen, Disteln, Beifuss. Nur die Dreizahn-Mauerbiene kann auch seitlich ein Loch in die Stängelwand nagen.
in Steilwänden
Für diese Wildbienen sind Uferabbrüche in Auen von Flüssen wertvoll, sonnenbeschiedene Steilwände in terrassierten Weinbergen oder Sand- und Lehmgruben wichtige Nistplätze. Diese Lebensräume nehmen aber leider stark ab.



Eine Schneckenhaus-Mauerbiene verschliesst ihr Nest in einem Schneckenhaus. (Fotos: Albert Krebs, ETH Bildarchiv)
Ein Blütenmeer für alle
Es gibt Wildbienenarten, die trotz Vorhandensein anderer Pollenquellen, ausschliesslich Pollen einer Pflanzenart oder nah verwandter Pflanzenarten sammeln. Bienen, die so eine enge Bindung haben zu einer Pflanzenart oder nah verwandten Arten, nennt man oligolektisch. „Falscher“ Pollen kann die Entwicklung des Nachwuchs hochspezialisierter Arten zum Teil sogar schwerwiegend schädigen. Ein Beispiel ist die Glockenblumen-Scherenbiene, die Pollen nur an Glockenblumen sammelt. Die Blütenblätter von Glockenblumen reflektieren das Licht v.a. als UV-Blau und Blau-Grün. Die Glockenblumen-Scherenbiene erkennt die Blüten schon von weitem, denn sie hat eine angeborene Präferenz für UV-Blau und Blau-Grün. Zudem erkennt sie ihre Lieblingsblüten auch an ihrem spezifischen Pollenduft. Verschwindet ihre Lieblingspflanze, verschwindet auch die Biene. Und andersherum, möchte man einer spezialisierten Biene helfen, pflanzt man am besten ihr „Grundnahrungsmittel“.
Es gibt aber auch viele Wildbienenarten, die nicht so wählerisch sind, ihnen kommen verschiedene Pollen auf den Teller. Man nennt sie polylektisch. Die Grenzen sind da aber nicht starr, es gibt auch polylektische Arten, die bestimmte Pflanzengruppen wie zum Beispiel Korbblütler bevorzugen.
Die bekannteste polylektische Biene ist sicherlich die Honigbiene, aber auch die Mehrheit der Hummeln und Furchenbienen sammeln an vielen verschiedenen Pflanzen. Sie können also einfacher auf Lebensraumänderungen oder dem Verlust einer Pflanzenart durch z.B. Überdüngung reagieren und allenfalls auf andere Pflanzen ausweichen. Alarmierend ist aber, dass selbst einige nicht-wählerische Pollensammlerinnen zunehmend bedroht sind.