Mehr Wildheit im Garten

In der Bienenwelt tut sich nun Einiges. Vielleicht wurden Sie dieses Jahr schon von Mauerbienen, Hummeln oder der diesjährigen «Biene des Jahres», der Blauschwarzen Holzbiene besucht? Höchste Zeit, den Garten wieder in blühende Oasen zu verwandeln ♡.

Der richtige Zeitpunkt zum Schlüpfen

Viele Wildbienen überwintern als Vorpuppe, gut geschützt in ihren Kinderzimmern im Boden, in Totholz oder in Pflanzenstängeln. Die Blauschwarze Holzbiene schlüpft noch im selben Jahr und überwintert als Erwachsene in Höhlen oder Mauerspalten. Arten wie die Gehörnte Mauerbiene oder die Rote Mauerbiene überwintern voll entwickelt in ihrem Kokon. Doch wie wissen sie in ihrem dunklen Kokon, wann der richtige Zeitpunkt zum Schlüpfen gekommen ist? Sie müssen also nicht nur spüren, wann die Temperatur steigt, sondern auch, wie lange es schon kalt war.

Zuerst schlüpfen die Männchen. Foto: Albert Krebs
Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Schlüpfen? Foto: Sarah Grossenbacher

Vereinfacht kann man sagen, dass ein Zusammenspiel aus Temperatur und Lichtverhältnissen entscheidend ist: Erst wenn die Temperaturen und Lichtverhältnisse nach einer längeren Kälteperiode wieder ansteigen, ist es Zeit für den «Frühlingsmodus» und Hormone werden ausgeschüttet. Schlüpfen sie zu früh, kann das fatale Folgen haben, wenn noch gar nichts blüht. Deshalb sollte man Nisthilfen im Winter niemals ins Warme holen, sonst schlüpfen die Bienchen noch im tiefsten Winter. Auch der Klimawandel bringt diese fein abgestimmten Prozesse zwischen Pflanzen und Insekten zunehmend durcheinander. Eine neue Studie der Universität Würzburg zeigt, dass steigende Temperaturen Wildbienen und Wespen früher schlüpfen lassen. Besonders Arten aus kühleren Regionen waren anfällig für warme Frühjahre und verloren schneller ihre Energiereserven und hatten dadurch schlechtere Startbedingungen.  

Neben klimatischen Veränderungen, die Druck machen, fehlt es in unserer Landschaft leider stark an Kleinstrukturen: Viele Flächen sind verbaut oder mit Pflanzenschutzmitteln belastet, werden im Sommer oft auf einen Schlag gemäht oder überdüngt und ähneln eher «grünen Wüsten». Naturnahe Gärten können hierbei zumindest kleine Rückzugsorte für Wildbienen und andere Insekten sein.

Achtung, säen, los!

Im April und Mai geht’s endlich so richtig los: Mit wenigen Handgriffen lassen sich Garten und Balkon in kleine Bienenparadiese verwandeln. Entscheidend ist ein vielfältiges Blütenangebot von Frühling bis Herbst. Man kann es sich in etwa so vorstellen wie bei uns Menschen: Bei einer mangelhaften Ernährung fehlen uns Vitamine und Nährstoffe und wir sind anfälliger auf Krankheiten und Stress – ähnliches gilt für Bienen. Viele Wildblumen und Gemüsesorten können jetzt direkt ins Beet, in Töpfe oder in den vorbereiteten Boden säen.

Übrigens eignen sich auch viele blühende Gemüsesorten, wie z.B. Artischocken oder Kohlsorten für Wildbienen – vielleicht «vergisst man bewusst» mal die eine oder andere Pflanze und lässt sie für die Bienen blühen. Um einzuschätzen, welche Wildpflanzen in Ihrer Region und Bodentyp und für einen schattigen oder sonnigen Standort geeignet wären, kann man kostenlos auf Regio Flora nachschauen.

Lauch in voller Blüte ist ein leckeres Festmahl für die kleinen Garten-Besucher.
Blühende Artischocken sind wahre Bienenmagnete. Fotos: Sarah Grossenbacher

Warum Kornelkirschen die besseren Forsythien sind

Heimische Wildpflanzen sind meist die bessere Wahl: Sie sind optimal an lokale Bedingungen und hiesige Insektengemeinschaften angepasst. Gerade hochspezialisierte Wildbienen sammeln den Pollen nur an bestimmten Wildpflanzen-Familien, ihre Sinne sind stark an diese Pflanzen angepasst. Natürlich gibt es auch nicht-heimische Pflanzen, die trotzdem etwas für Insekten zu bieten haben, z.B. Küchenkräuter wie Rosmarin oder Thymian, die gut mit Trockenheit und viel Sonne zurechtkommen.

Vorsicht aber bei bestimmten Zierpflanzen: Ein eindrückliches Beispiel ist die Forsythie, die ursprünglich aus Asien stammt. Sie blüht zwar leuchtend gelb, ist aber ein leeres Versprechen für Insekten: Denn hier gepflanzte Forsythien sind sterile Zuchtformen und bieten weder Nektar noch Pollen. Deutlich besser wären heimische Alternativen wie Kornelkirsche, Schlehe oder Berberitze. Die Kornelkirsche kann man jetzt oder im Herbst pflanzen, sie ist sehr robust, verträgt sowohl Trockenheit als auch Frost und ist eine beliebte Bienen- und Vogelweide. Sie eignet sich als Teil einer Hecke, als Strauch oder als Hochstamm oder sogar als Kübelpflanze. Gerade für früh schlüpfende Bienen ist sie besonders wertvoll, denn sie blüht bereits im Februar oder März.

Rosmarin blüht bereits früh. Fotos: Sarah Grossenbacher
Wilder Majoran schmeckt nicht nur uns Menschen.
Kornelkirschen bieten Nektar und Pollen und später leckere Früchte.

Ein Recht auf ein Zuhause

Neben Nahrung brauchen Bienen natürlich auch ein zu geeignetes Zuhause und Baumaterial für ihr Nest. Je nach Art kommen da unbewachsene, sandige Stellen im Boden, Insektenfrassgänge in totem Holz, dicke, morsche Baumstämme an der Sonne, Trockenmauern, markhaltige und hohle Pflanzenstängel oder sogar Schneckenhäuser in Frage.

Abgestorbene Baumstämme an einem sonnigen Platz sind sehr beliebte Wildbienennistplätze. Foto: Albert Krebs
Markhaltige Pflanzenstängel von Brombeer- oder Holundersträuchern als Nistplatz für Wildbienen und Wespen. Foto: Sarah Grossenbacher
Sandlinsen, hier auf einer Ruderalfläche, sind wertvoll für bodennistende Wildbienen und Grabwespen.

Im Garten kann man mit ungewaschenem Sand (enthält noch etwas Lehm) aus einem lokalen Kieswerk eine kleine Sandlinse bauen für bodennistende Wildbienen. Wichtig sind eine gute Drainage und regelmässiges Jäten, damit die Fläche offen bleibt. Für Arten, die in Totholz nisten, sind sonnige Baumstrünke und abgestorbene Baumstämme oder dicke Holzäste attraktiv. Die Wald-Pelzbiene nistet gerne in bereits sehr morschem Holz, das sich leicht mit dem Fingernagel eindrücken lässt, die Biene des Jahres nagt ihr Nest hingegen oft in noch etwas festeres Laubholz. Aus markhaltigen Stängeln von Brombeeren oder Holunder kann man lange Stücke senkrecht zum Beispiel an einem Zaun befestigen. Mit etwas Glück schaut schon bald eine kleine Biene aus dem Stängel. Man kann auch einige dickere Staudenstängel etwa kniehoch stehen lassen, damit Wildbienen dort nisten können.

Etwas mehr Wildheit im Garten hilft bereits vielen Wildbienen. Verblühtes darf ruhig auch neben Blühendem stehen bleiben. So können sich die Wildblumen selbst versamen und auch Vögel haben noch etwas zum Naschen.

Text: Michelle Knecht