Pionierpflanzen trotzen der Trockenheit
Der Hochsommer zeigt besonders anschaulich, welche Bereiche im Garten schneller austrocknen. Sonnige, steinige, kiesige oder sandige Standorte mögen auf den ersten Blick abschreckend für viele Pflanzen wirken, doch genau hier fühlen sich viele heimische Wildpflanzen zu Hause. Und man kann sie problemlos auch im Garten ansäen.
Oft sind es Pionierpflanzen, die sehr wenig Nährstoffe brauchen und dort überleben, wo andere Pflanzen schon längst aufgegeben hätten. Sie blühen auf Ruderalflächen, entlang von Bahngleisen, Wegrändern, Parkplätzen, Schotter- und Kiesbänken von Flüssen und lassen sich auch super an trockeneren Garten-Ecken oder in Töpfen auf dem Balkon pflanzen. In Wiesen oder Lebensräumen mit viel Konkurrenz würden solche Pflanzen hingegen blitzschnell verdrängt werden. Im Gegensatz zu Wiesenpflanzen bilden Pionierpflanzen keine geschlossene Pflanzendecke und lassen Lücken mit offenem Boden. Für Wildbienen sind solche Lebensräume sehr wertvoll, denn sie bieten ihnen Nistplätze im sonnigen Boden oder auch in abgestorbenen Pflanzenstängeln und Nahrung.
Natternkopf hat viel zu bieten
Ein grosser Trockenheitskünstler ist der Gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare). Seine blau-violetten Blüten mit den rosa Griffeln erinnern mit ein bisschen Fantasie an einen Schlangenkopf mit herausgestreckter Zunge. Man nimmt an, dass ihm dies einst auch seinen Namen verlieh. Dank seiner tiefen Pfahlwurzel übersteht der Natternkopf problemlos auch längere Trockenphasen. Die dickere Blatthaut verhindert auch, dass zu viel Wasser verdunstet. Besonders gut wächst er an sonnigen, kiesigen Plätzchen, aber auch in tieferen Töpfen auf der Terrasse oder dem Balkon. Im ersten Jahr bildet er eine Blattrosette, ab dem zweiten Jahr erscheint er dann in seiner vollen Blütenpracht.


Bei Insekten ist er äusserst beliebt. Mehr als 30 Wildbienenarten und über 40 Schmetterlingsarten wurden bereits am Natternkopf beobachtet. Dies hat er wohl auch seiner langen Blütezeit von Mais bis in den Herbst hinein zu verdanken. Seine Blüten blühen gestaffelt, so dass über Wochen hinweg immer reichlich Nektar zur Verfügung steht. Das ist gerade jetzt im Hochsommer für die fleissigen Bestäuber wichtig, wo vieles bereits gemäht oder verblüht ist.
Zwei Wildbienen in der Schweiz sind stark auf ihn spezialisiert. Um ein einziges Nachkommen zu versorgen, sammelt die Natternkopf-Mauerbiene (Hoplitis adunca) den Pollen von rund 140 Blüten. Ohne den Natternkopf, könnte diese Biene nicht überleben.
Wildbienen-Liebling und Kaffee-Ersatz
Auch die Gewöhnliche Wegwarte (Cichorium intybus) kommt gut mit Trockenheit zurecht. Um die himmelblauen Blüten der Wegwarte ranken sich viele Geschichten und Sagen um eine unsterbliche Liebe, denn die Blüten öffnen sich Tag für Tag mit dem Sonnenaufgang, folgen ihrem Lauf bis zur Mittagszeit und schliessen sich dann wieder.
Nach der Samenreife verteilen sich die Samen oder werden mit dem Wind weitergetragen. Wird sie zu früh gemäht, hat sie keine Chance, zu überleben. Insbesondere Hosenbienen lieben sie, aber auch Furchenbienen und andere Wildbienen besuchen sie oft. Da die Blütezeit der Gewöhnlichen Wegwarte sich bis in den Spätsommer erstreckt, ist sie für Ihre Bestäuber eine wichtige Tankstelle, wenn andere Pflanzen bereits verblüht sind.


Als Heilpflanze ist sie fast in Vergessenheit geraten, sie enthält aber Inulin und viele Bitterstoffe, die stoffwechselanregend wirken. Wir kennen heute vor allem den Chicorée, der aus ihrer Wurzel gezüchtet wurde. Er ist deutlich weniger bitter als seine wilde Schwester. Aus der wilden Wurzel hat man früher «Zichorienkaffee» als Kaffee-Ersatz zubereitet, vor allem zu Kriegszeiten, als Kaffee ein sehr seltenes Gut war. Besonders in Frankreich und Belgien hat der «Zichorienkaffee» auch heute noch durchaus Tradition.
Klein, aber fein
Reseden, auch Wau genannt, kommen auch gut mit Trockenheit zurecht. Mit der Reseden-Maskenbiene (Hylaeus signatus) haben Reseden sogar eine eigene Spezialisitin. Die Männchen haben eine auffällige helle Gesichtszeichnung, die an eine kleine «Zorro-Maske» erinnert. Die Weibchen sammeln den Pollen nur von Resedenpflanzen, wie z.B. der Gelben Resede, der Färber-Resede. Ohne diese Blüten könnte sie ihren Nachwuchs nicht versorgen. Und wenn die ersten Blüten sich öffnen, ist Hylaeus signatus bestimmt bald auch bei Ihnen zu beobachten.


Und so können in trockenen Sommern Wildbienen und andere Insekten in unseren Gärten oder Wegrändern wertvolle Blüten finden, und die Giesskanne darf auch mal Pause machen.
Text: Michelle Knecht;
Fotos: Sarah Grossenbacher